Gedicht – Meinung – SZ.de

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Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat sich geirrt, als er forderte, man solle schweigen, worüber man nicht sprechen kann. Vielleicht mochte Wittgenstein Poesie nicht sehr oder wollte nicht an ihre Kraft glauben. Die Daseinsberechtigung eines Gedichts besteht darin, einen Ausdruck für das zu finden, was im Alltagsgeschwätz nie perfekt gesagt werden kann, sei es Liebe (Rainer Maria Rilke), Trauer (Annette von Droste-Hülshoff) oder seltener die Metaphysik von Talismane (Johann Wolfgang von Goethe). Ein Gedicht ist nie allgemein, es hat immer einen „persönlichen Brechungswinkel“, wie es der Schriftsteller Durs Grünbein beschreibt. Ein Gedicht ist auch immer mehr als ein Vers (sprich niemals von „Zeilen“ vor den sensiblen Herzen der Dichter); es ist ein sorgfältig geschmiedeter Gesamtzusammenhang aus Form, Inhalt und Klang. Wie perfekt ein Gedicht ist, kannst du mit einem Experiment herausfinden: Wenn du einen Vers löschst und dann bricht alles zusammen, ist es gute Poesie. Das könnte man mit dem Schimpfgedicht ausprobieren, das der Satiriker Jan Böhmermann über Recep Tayyip Erdoğan geschrieben hat. Diese darf künftig nur noch auszugsweise wiedergegeben werden. Das Bundesverfassungsgericht wies die Berufung Böhmermanns gegen ein entsprechendes Urteil zurück.