Alexander Kluge: Es gibt immer Auswege

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Alexander Kluges Umgang mit dem von der Welt ständig angeschwemmten Material ist im besten Sinne essayistisch. Ein Denker, der ständig unterwegs ist, der neue Gebiete erkundet, sie mit den gerade verlassenen vergleicht und im Kontrast Eigenschaften erkennt, die unter den Bedingungen einfacher Beobachtung verborgen geblieben wären. So steckt Napoleon irgendwo in den halsbrecherischen Manövern der Seiltänzer, der Akt des Dompteurs im Werk des Künstlers Gerhard Richter, dessen Bilder Kluge mit Text ergänzte. So postmodern und willkürlich diese Methodik hier erscheinen mag, Kluges Einsichten sind ernst und tiefgreifend. Davon konnten wir uns kürzlich in den beiden autobiografischen Büchern „Das Buch der Kommentare“ und „Zirkus/Kommentar“ überzeugen, die kürzlich bei Suhrkamp erschienen sind.

Das Virus als Außerirdischer vom selben Planeten

Vor allem in „Das Buch Comments“ beschäftigt sich Alexander Kluge mit der unmittelbaren Gegenwart, die ganz im Lichte eines Virus steht, den er in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur als „Alien vom selben Planeten“ bezeichnete. In den ersten Wochen war Kluge, wie viele von uns, geradezu erstaunt, wie „solidarisch“ und „intelligent“ die Menschen auf das Virus reagierten. Dass diese Solidarität nicht nur nicht lange anhielt, sondern zumindest für gewisse Teile der Bevölkerung schnell in Unsolidarität umschlug, zeige „die guten und schlechten Eigenschaften, die wir mit uns herumtragen“.

Wer sich an den Roman „Die Pest“ von Albert Camus erinnert, weiß, woher dieser Kerngedanke stammt. Angesichts drohender Gefahr zeigt sich Charakterstärke ebenso wie Schwäche. Eine bittere Erkenntnis, die wir unter dem Eindruck der Corona-Pandemie gewonnen haben, ist, dass Menschen sich existenziell bedroht fühlen, wenn ihre globale Reichweite und damit ihr Konsumpotential eingeschränkt wird. Kluge respektiere das Virus. Es ist intelligent, mutiert innerhalb kürzester Zeit, optimiert seine Chancen und testet seine Umgebung auf Herz und Nieren.

Seiner Meinung nach gehe die Bundesregierung „ein bisschen zu administrativ“ vor. Trotzdem kann er manches Schlingern und die eine oder andere Fehlentscheidung nachvollziehen. Schließlich ist die Situation extrem herausfordernd und völlig neu.

Das Glück der aufgedeckten Auswege

Kluges schier endloser Wunsch, Verschüttetes wieder ans Licht zu bringen, könnte bis zum 8. April 1945 zurückgehen, als er – gerade einmal 13 Jahre alt – bei einem Bombenangriff verschüttet wurde. Die hochexplosive Bombe fiel nur zehn Meter von ihm entfernt. Es dauerte eine Weile, bis der Verschüttete einen Ausgang zum Nachbarhaus fand. Von dort ging es weiter zum nächsten und übernächsten Haus. Die Zerstörung seiner Heimatstadt Halberstadt und sein eigenes Überleben haben sich tief ins Bewusstsein eingeprägt Autor und hallt noch heute in dem Satz wider: „Es gibt immer einen Ausweg“

Alexander Kluge hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Auswege zu finden und aufzuzeigen. Für sich selbst und für andere. Sein Engagement ist unerschöpflich, seine Lebenslust und Suche scheint nicht nachzulassen. Er kommentiert, nutzt sich ab und gräbt immer noch. Das Schlimmste für diesen Denker wäre wohl Stillstand.