Gesundheit: Vor- und Nachteile: Impfpflicht – Diskussion im Schloss Bellevue – Inland

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„Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache“, hat ihn gerade die Lehrerin Gudrun Gessert aus Baden-Württemberg darauf hingewiesen. Sie versuche mit Einzelindikatoren zu widerlegen, „dass Ungeimpfte die Krankenhäuser egoistisch füllen“. Steinmeier hält mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und anderen Zahlen dagegen.

Der Bundespräsident hat zu einer Diskussion über das Für und Wider einer generellen Impfpflicht eingeladen. Das wollen sie miteinander diskutieren „und auch gerne respektvoll argumentieren“, sagt Steinmeier. Und dann bekommt er dieses respektvolle Argument. Einige der Teilnehmer sitzen im großen Saal seines Amtssitzes Schloss Bellevue, andere wie Gessert sind aus der Ferne verbunden.

Gessert betont vehement, dass er nicht gegen Impfungen, sondern gegen Impfpflichten sei. „Die Impfpflicht ist nicht geeignet, die Pandemie zu überwinden“, erklärt die Lehrerin, die Steinmeiers Frage, ob sie selbst geimpft sei, hinterlässt. „Die Impfpflicht ist für die Gesellschaft problematisch, weil sie polarisiert“, lautet eines ihrer Argumente. Eine Impfpflicht sei „medizinisch in keiner Weise vertretbar“, sagt ein anderer.

Gessert hinterfragt die Wirksamkeit der Impfstoffe, bescheinigt ihnen gefährliche Nebenwirkungen und warnt vor einer Endlosschleife von Impfstoffen und Boostern. Ganz ähnlich argumentiert der aus Bamberg stammende Oliver Foeth. Er hält es für „unmoralisch, angesichts des Wissens, das wir über die verfügbaren Impfstoffe haben, eine Impfpflicht oder eine Impfpflicht auf Rezept vorzuschreiben“.

Wer an der Wirksamkeit der Impfstoffe zweifelt, entgegnet Prof. Kai Nagel von der TU Berlin, dass die Impfung der Delta-Variante tatsächlich der „Game Changer“ gewesen sei, also die Zahl der Infektionen gesenkt habe. „Beim Omikron geht es nicht mehr um die Inzidenzen, sondern sehr um die schweren Verläufe“. Nagel entwickelt Modelle zur Verbreitung des Virus. „Bei Omikron stellt sich die Frage, ob wir mit einem blauen Auge davonkommen oder nicht“, sagt er. Für diese Variante käme eine Impfpflicht ohnehin zu spät.

Ob es überhaupt etwas bringen würde, ist aus Sicht von Cornelia Betsch fraglich. Der Erfurter Professor hat Langzeitstudien zu Einstellungen und Verhalten von Geimpften und Ungeimpften initiiert. „Unter den Menschen, die in unseren Umfragen nicht geimpft wurden, sagt tatsächlich die allermeisten: Ich möchte definitiv nicht geimpft werden.“ Das sind 60 bis 70 Prozent.

Es gebe viele Möglichkeiten, Menschen zum Impfen zu bringen, sagt der Wissenschaftler. Vor allem muss man sich fragen, warum man sich nicht impfen lassen wollte. Die Forschung zeigt, dass sehr viele einfach Angst davor haben. „Das macht es psychologisch zu einer heißen Debatte, etwas Emotionalem. (…) Wenn man sich vor etwas fürchtet und es mit einer Verpflichtung bedroht ist, dann löst es bei Menschen ein Gegengefühl aus. „

Wie stark sich dieses „Gegengefühl“ gerade in der Republik aufbaut, zeigen die zahlreichen und teilweise immer rauflustigeren Demonstrationen von Impf- und Impfpflichtgegnern.

Das hatte Steinmeier wohl im Hinterkopf, als er von der Politik eine besonders vorsichtige Debatte zu diesem Thema forderte. „Eine solch außergewöhnliche Maßnahme stellt unseren Staat auch in eine außerordentliche Verpflichtung gegenüber seinen Bürgern. Kurzum: Impfpflicht bedeutet Debattenzwang. „An die Begründung einer so außergewöhnlichen Maßnahme sind besonders hohe Anforderungen zu stellen – zumal die Politik eine Impfpflicht schon lange explizit ausschließt.

„Eine generelle Impfpflicht gehört sicher nicht zum Gesetzgebungsalltag von Bundestag und Bundesregierung, und der Prozess der Debatte, Abwägung und Rechtfertigung darf nicht alltäglich sein“, sagt Steinmeier. Indirekt spricht er den Prozess der Ampelkoalition an, die Frage nicht durch einen Regierungsentwurf, sondern durch fraktionsübergreifende Fraktionsanträge im Bundestag zu klären.

© dpa-infocom, dpa: 220112-99-682962 / 3

Rede von Bundespräsident Steinmeier

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