Naturschutz – Bad Neuenahr-Ahrweiler – Sachverständiger: Sondernaturschutzgebiet Ahr wird zerstört – Wissen

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Altenahr (dpa/lrs) – Erst nach der tödlichen Sturzflut im Ahrtal wurde dort laut einem Experten „eines der artenreichsten“ Naturschutzgebiete Deutschlands mit Baumaschinen zerstört. Hohe Schieferfelsen, verlassene Weinbergterrassen und enge Flussschleifen: Die Ahrtalschleife bei Altenahr gilt als besonders ursprünglich und romantisch. Doch aktuell ist sie geprägt von großflächig eingeebnetem Boden, Baggerspuren und einem Flussbett, das wie ein Kanal aussieht – ein halbes Jahr nach dem Juli-Hochwasser, das im Ahrtal 134 Menschen das Leben kostete und Tausende Häuser zerstörte.

Wolfgang Büchs, Hildesheimer Biologieprofessor und Ahrtal-Experte seit vier Jahrzehnten, ist nach eigenen Worten „schockiert“. In veröffentlichten Studien gemeinsam mit vielen Kollegen seien „in diesem Gebiet rund 4.300 Tierarten und fast 1.200 Pflanzenarten gefunden worden, darunter 17 Arten, die für die Wissenschaft neu waren – und das mitten in Deutschland“, sagt Büchs. 480 wäre vor Jahren auf der Roten Liste der bedrohten Arten gestanden.

Büchs spricht von „sinnlosem Graben und Einebnen“, gefällten gesunden Bäumen und einer Aufschüttung von Orchideenstandorten inmitten eines Naturschutzgebietes. Für diese Arbeiten fehlt es an naturschutzfachlicher Unterstützung. Die Verantwortlichen bei den zuständigen Behörden seien „offenbar hoffnungslos überfordert“.

Die rheinland-pfälzische Klimaschutzministerin Katrin Eder (Grüne) betont: „Wir nehmen die Hinweise sehr ernst und gehen ihnen nach.“ Bereits im September 2021 hatte ihr Haus angeordnet, dass Arbeiten am Gewässer nur mit Zustimmung der Bau- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord durchgeführt werden dürfen. „Unser Ziel bleibt es, der Ahr mehr Raum zu geben und möglichst großflächig eine naturnahe Entwicklung zu ermöglichen“, versichert Eder.

Die SGD Nord in Koblenz weist die Vorwürfe zurück. Das Hochwasser entwurzelte im Naturschutzgebiet bei Altenahr bis auf zwei kleine Baumgruppen alle Bäume und füllte den gesamten Talboden mit teilweise mehr als 1,50 Meter hohem Flusskies auf. Die Folge sei gewesen, „dass die Ahr wie in einem Trog gelaufen sei. Eine Vielzahl der ehemals einflussreichen Biotopstrukturen seien durch die heftigen Landungen überrollt und damit beseitigt worden.“ Zudem hinterließ das Hochwasser auch große Müllmengen wie Autowracks: „Der Einsatz schwerer Maschinen zur Beseitigung des Mülls war unvermeidlich.“

Der eingefüllte Flusskies soll dann laut SGD Nord bis maximal 30 Zentimeter über dem normalen Ahrwasserspiegel abgetragen werden: So kann der Fluss bei kleineren Hochwassern leichter über die Ufer treten – ein natürlicher Hochwasserschutz für Gebiete flussabwärts der Ahr und gleichzeitig gut für die Entwicklung neuer naturnaher Strukturen . „Damit all diese Maßnahmen umgesetzt werden können, muss die Ahr-Aue allerdings mit schwerem Gerät überfahren werden.“

Nach Angaben der Behörden wurden bei der Entfernung des Flusskieses keine Bäume gefällt: „Dies geschah durch das Hochwasser oder durch die unkoordinierten Planierarbeiten, die unmittelbar nach dem Hochwasser begannen.“ Auch die SGD Nord erklärt, dass der Lauf der Ahr hier „nicht massiv begradigt“ wurde. Eine separate Straße für die Baufahrzeuge wird später weitgehend entfernt.

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