War das damals wirklich so?

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Wieder spielt ein deutscher Schauspieler Adolf Hitler. Im Netflix-Thriller „München“ ist der Berliner Ulrich Matthes als Nazi-Diktator zu sehen, der von den Briten vom Kriegskurs abgebracht werden soll. Bleibt die Frage: Wie viel Fiktion verträgt die Geschichte?

Der Brite Hugh Legat (George MacKay) und der Deutsche Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner) sind befreundet. Sie studieren 1932 gemeinsam am Oxford College und philosophieren darüber, wie die Zukunft Europas aussehen könnte. Jahre später sind beide im diplomatischen Dienst ihrer Länder tätig. Hugh arbeitet für 10 Downing Street unter dem damaligen britischen Premierminister Neville Chamberlain (Jeremy Irons) und Paul berichtet an das Reichsauswärtige Amt in Berlin. Die Weltgeschichte hat die Gespräche und Ideen junger Männer eingeholt.

Der britische Schriftsteller Robert Harris – auf dessen Buch München aus dem Jahr 2017 der Film basiert – ist ein Meister darin, Geschichte und Fiktion zu verschmelzen. Die Handlung von Hugh und Paul ist verwoben mit den Ereignissen um das Münchner Abkommen vom September 1938, in dem die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten musste. Das Ziel damals: Appeasement-Politik mit Adolf Hitler betreiben. Für Hugh und Paul steht nicht weniger als das Schicksal Europas auf dem Spiel.

Hitler – der Antimensch

Der in West-Berlin geborene Schauspieler Ulrich Matthes mimt den „Führer der Deutschen“. Nach seiner brillanten Darstellung vor 18 Jahren als Joseph Goebbels in „Der Untergang“ gibt er einem Nazi-Verbrecher erneut ein filmisches Gesicht. Matthes schauspielerisches Talent steht außer Zweifel, aber seine Darstellung Hitlers tappt in die Falle, zu teuflisch zu sein. Hitler als Antimensch. Er starrt sein Gegenüber mit durchdringenden blauen Augen an, als würde er jeden Moment das Leben aus seinem Körper saugen.

Natürlich ist die Person Adolf Hitler allein aufgrund ihrer Optik und des inszenierten Verhaltens, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, jenseits von Parodie und purer Bosheit nur schwer künstlerisch festzuhalten. In diesem Punkt bleibt die Darstellung des 2019 verstorbenen Schweizer Schauspielers Bruno Ganz, der in „Der Untergang“ an der Seite von Matthe den Nazi-Diktator verkörperte, unbestrittener Maßstab.

Matthes Hitler ist immer noch gut gespielt, will sich aber nicht wirklich in das Gesamtgefüge des Films einfügen. George MacKay und Jannis Niewöhner als Hugh und Paul sind die Prototypen des nach Etikette lebenden Engländers und des desillusionierten Deutschen. Und Oscar-Preisträger Jeremy Irons spielt brillant die tragische Figur des Neville Chamberlain, der um jeden Preis einen Krieg im Herzen Europas verhindern wollte.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass MacKay, Niewöhner und Irons im Vergleich zu Matthes die leichteren Rollen haben. In einer Nebenrolle: das deutsche Ausnahmetalent August Diehl, der es in den letzten Jahren immer mehr verstanden hat, in diversen Produktionen, wenn auch nur mit kleinen Auftritten, das sprichwörtliche Salz in der Suppe zu sein.

„Widerstehe den Anfängen!“

„München“-Regisseur Christian Schwochow, der in einem Interview sagte, er wolle die Geschichte aus der Sicht der Menschen von damals erzählen und nicht aus der heutigen, leistet über weite Strecken hervorragende Arbeit. Auch wenn seine beiden Hauptdarsteller gelegentlich zu modern und die Handlungsstränge zu konstruiert wirken, insbesondere wenn Hugh und Paul auf Chamberlain und Hitler treffen, bleibt es unterm Strich eine filmreife Geschichtsstunde erster Klasse.

Vielen Zuschauern dürfte es ähnlich gehen wie Schwochow, der sagt, er habe vor Beginn des Films nicht viel über das Münchner Abkommen gewusst. Verhandlungen zur Kriegsverhinderung? Verträge mit den Nazis?

1938 wollten viele Europäer den Wahnsinn, der sich in Berlin zusammenbraute, einfach nicht glauben. „München – Im Angesicht des Krieges“ ist daher auch eine Mahnung an die Gegenwart. Das Geschwür des Nationalismus breitet sich wieder in Europa aus. Der Gemeinschaftsgedanke bröckelt. Vor mehr als 2000 Jahren sagte der römische Dichter Ovid: „Widersteht den Anfängen!“

„München In the Face of War“ kann ab dem 21. Januar auf Netflix gestreamt werden.