„Wissen und Zeit zurückgeben“ – Freiburg

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Der Arzt Michael Wirsching erzählt, wie sich der Freiburger Verein Refudocs um Flüchtlinge kümmert.

Ob Zahnschmerzen, Schwangerschaft, Impfungen oder Angststörung: Der Freiburger Verein Refudocs sorgt seit 2015 dafür, dass Geflüchtete medizinisch und psychotherapeutisch versorgt werden. Keine leichte Aufgabe, gerade in der Corona-Pandemie. Sonntag sprach mit dem Freiburger Arzt Michael Wirsching über die Arbeit des Vereins.

Sonntag: Herr Wirsching, warum wurden die Refudocs gegründet?

Auch hierher kamen 2015 viele Flüchtlinge nach Freiburg. Viele waren nicht geimpft. Damals hatte das natürlich nichts mit Corona zu tun, aber die üblichen Impfungen wie die gegen Diphtherie, Masern oder Tetanus fehlten. Andererseits brauchten manche auch akute Hilfe, zum Beispiel durch einen Internisten oder einen Kinderarzt. In der Erstaufnahmeeinrichtung war nur Notfallmedizin möglich. Deshalb haben sich die Refudocs gefunden. Das Modell war eine Initiative aus München. Wir organisieren Impfaktionen und haben eine Agentur für Arzttermine eingerichtet. Wir klären die Kostenübernahme und vermitteln auch Dolmetscher. Dies ist auch heute noch ein wichtiger Teil der Arbeit.

Sonntag: Inzwischen haben Sie aber mit dem „Refugium“ eine feste Anlaufstelle in Freiburg geschaffen.

Genau, unsere Arbeit ist im „Refugium“ entstanden. Wir tun dies mit der Caritas. Es ist eine Anlaufstelle für medizinische, psychologische und soziale Fragen aller Art in der Adelhauser Straße. Es liegt also direkt in der Innenstadt und nicht irgendwo außerhalb. Dort befindet sich auch das Koordinationsbüro. Wir vereinen alles unter einem Dach. Wir haben jetzt 5,5 Stellen, die von Stadt und Land bezahlt werden, und zehn externe Ärzte. Im vergangenen Jahr haben wir auf Wunsch der Stadt auch die Corona-Impfungen für Flüchtlinge übernommen.

Sonntag: Wie ist das passiert?

Die Stadt hat festgestellt, dass die Impfbereitschaft in den Unterkünften sehr gering war. Es waren rund zehn Prozent. Deshalb haben wir zunächst Informationsblätter in sechs verschiedenen Sprachen verteilt, die auch auf die Kulturen zugeschnitten waren und mit den häufigsten Fehlinformationen aufräumten. Wir hatten auch Frage-und-Antwort-Sitzungen über Zoom mit Dolmetschern. Das hat nochmal einen großen Unterschied gemacht. Am Ende wurden mehr als 60 Prozent bei unseren lokalen Impfkampagnen geimpft. Wir haben auch andere Anlaufstellen mit vielen Menschen mit Migrationshintergrund besucht, wie zum Beispiel die JVA, Wohnheime für Obdachlose oder Rehabilitationseinrichtungen. Insgesamt haben wir im Jahr 2021 mehr als 6000 Menschen geimpft.

Sonntag: Wie gut waren die Flüchtlinge über Corona informiert?

Viele waren gut informiert, aber am falschen Ort. Sie wussten, was in ihren Kreisen und über verschiedene Dienste wie Telegram verbreitet wurde. Viele hatten Vorbehalte. Sie dachten, Sie könnten dann keine Kinder mehr bekommen, die Kinder könnten behindert werden oder Sie würden an der Impfung sterben. Deshalb war es wichtig, dass sie mit uns reden konnten. In dieser Bevölkerungsgruppe ist Freiburg mittlerweile gut aufgestellt. Im Gegensatz zu anderen Städten haben wir die Flüchtlinge nicht vergessen.

Sonntag: Wie hat sich die Pandemie auf Ihre Arbeit im Allgemeinen ausgewirkt?

Sehr massiv. Unsere gesamte Arbeit basiert darauf, direkt und von Angesicht zu Angesicht mit den Flüchtlingen zu arbeiten. Darauf ist die gesamte Beratung ausgerichtet. Sie können Videokonsultationen durchführen, aber Sie müssen die Patienten kennen, sie müssen frei sprechen können. Das ist in der Unterkunft nicht so einfach. Die Arbeit vor Ort gestaltete sich schwierig und auch die Hygieneauflagen im „Refugium“ waren sehr streng. Nur Treffen zwischen einem Patienten und einem Mitarbeiter waren möglich. Sobald jemand vorbeikam, wurde es wieder riskant. Dennoch haben wir unsere Beratungszahl mit rund 2000 Kontakten im Jahr 2021 konstant gehalten.

Sonntag: Warum haben Sie sich entschieden, selbst aktiv zu werden?

Ich bin jetzt seit sechs Jahren im Ruhestand. Ich kenne die Kollegen, die den Verein gegründet haben, und finde die Arbeit sehr wichtig. Man muss soziale Themen wie Migration in die Stadt bringen. Ich habe auch im Ausland mit Flüchtlingen gearbeitet. Ich bringe mein Wissen als Familientherapeutin und Fachärztin für Psychosomatik ein und half auch bei Impfungen. Das macht man gerne, es bringt auch Zufriedenheit.

Sonntag: Du willst also auch etwas

zurückgeben?

Wir Chefärzte haben nicht schlecht von der Allgemeinheit gelebt, da können Sie etwas Wissen und Zeit zurückgeben. Vor allem für die Region, in der Sie leben. Was wir für die Flüchtlinge tun, kommt eigentlich auch anderen benachteiligten Bevölkerungsgruppen zugute. Denn vielen fällt es nicht leicht, medizinische, psychologische oder soziale Unterstützung zu bekommen. Denn der wichtigste Faktor für Gesundheit und Langlebigkeit ist nach wie vor der soziale Status. Deshalb wollen wir zu anderen Schwerpunkten gehen, weil dort das Know-how vorhanden ist.

Sonntag: Und was ist die Zukunft?

Auch ein Präventionsprogramm wollen wir im „Refugium“ anbieten. Und wir haben auch eine Hausarztpraxis gefunden, die enger mit uns zusammenarbeitet. Anschließend betreut sie die Flüchtlinge als Hausärztin. Denn nicht jeder braucht einen Psychotherapeuten, sondern ein niederschwelliges Angebot. So wie es ein guter Hausarzt tut, der ein gutes medizinisches Gespräch mit Ihnen führt. Außerdem haben wir jetzt auch eine Niederlassung in Titisee-Neustadt, weil viele Menschen aus dem Hochschwarzwald eher dorthin als nach Freiburg kommen. Alles läuft jetzt sehr reibungslos.

Michael Wirsching (74) ist emeritierter ehemaliger Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin in Freiburg. Als Gastprofessor arbeitete er unter anderem in Peking, Hanoi und Isfahan. Wirsching engagiert sich seit der Gründung des Vereins Refudocs im Jahr 2015. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.