Baker, Vater, Wohltäter: Was wir über den mutmaßlichen Polizistenmörder wissen

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Baker, Vater, Wohltäter: Was wir über den mutmaßlichen Polizistenmörder wissen

Ein 24-jähriger Polizist und ein 29-jähriger Inspektor sind am frühen Montagmorgen bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle im Kreis Kusel (Rheinland-Pfalz) erschossen worden. Wer genau die beiden Beamten getötet hat, ist noch unklar. Allerdings habe die Polizei nun zwei Verdächtige festgenommen, teilten Beamte FOCUS Online mit.

Beide holten sie im saarländischen Sulzbach ab. Einer der Tatverdächtigen ist Andreas S., ein 38-jähriger Mann aus Spiesen-Elversberg im Saarland. Die Polizei hatte zuvor mit Hochdruck nach ihm gesucht – Hubschrauber, Personenspürhunde und Spezialkräfte der Polizei waren im Einsatz.

Andreas S.: „Er hat das Geschäft übernommen – und dann ging es den Bach runter“

Nach Informationen von FOCUS Online besaß S. eine Bäckerei, die er in fünfter Generation führte. Vor knapp vier Jahren hatte unser Portal über den Einsatz berichtet, weil S. an einer Spendenaktion in einem Tierheim teilgenommen hatte. Google sagt, die Bäckerei sei „dauerhaft geschlossen“. Das Unternehmen hat offenbar Insolvenz angemeldet, der zuständige Insolvenzverwalter war für eine Stellungnahme jedoch nicht zu erreichen.

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Bäckerei, der fast zwei Jahre im Betrieb von Andreas S. gearbeitet hat, bestätigt die Insolvenz. „Die Bäckerei gehörte seiner Mama in Sulzbach. An der Wand vor dem Steinofen hingen Bilder von ihm als kleiner Junge. Er hat den Betrieb übernommen – und dann ging es den Bach runter“, berichtet Sabrina L. ( Name von der Redaktion geändert) im Gespräch mit FOCUS Online.

Vater von vier Kindern: „Als Familienvater war er ganz anders“

Der 22-Jährige kennt den mutmaßlichen Täter gut. „Ich habe ihn auf dem Fahndungsfoto sofort erkannt. Er war mein Chef. Und ich hatte immer Probleme mit ihm.“ sagt Sabrina L. Sie beschreibt ihn als „strengen Chef“, „unfreundlichen“ und lauten Menschen, „der immer geschrien hat, wenn ihm etwas nicht gepasst hat“. Die Frau berichtet von „vielen Überstunden“ und einem Vorfall, der ihr bei Andreas S. besonders negativ in Erinnerung geblieben sei. „Ich wurde damals von einem Kollegen sexuell belästigt sagte ich. Ich habe damals Rotz und Wasser geweint.“

Gewerkschafter erhalten Warnung: „Er hat ein Waffenarsenal“

Auch ein Vorfall, der sich 2019 ereignet haben soll, lässt aufhorchen. Als die „Saarbrücker Zeitung“ berichtet, dass S. damals Auseinandersetzungen mit einer Gewerkschaft wegen ausstehender Löhne hatte. Deshalb gab es auch Prozesse vor dem Arbeitsgericht. Ein Beobachter hatte die Gewerkschafter damals ausdrücklich vor Gewaltausbrüchen gewarnt. „Er hat ein Arsenal an Waffen“, hieß es.

S. hatte möglicherweise Geldprobleme. Im März 2020 meldete er Insolvenz an. Zwischenzeitlich übergab er die Geschäftsführung an seine Frau. Das Unternehmen wurde jedoch aufrechterhalten und im März 2021 übernahm S. wie er wieder die Geschäftsführung „Spiegel“ gemeldet.

Die ehemalige Mitarbeiterin Sabrina L. berichtete FOCUS Online von „seltsamen Vorkommnissen“ in S.’ Einsatz während ihres Dienstes: „Mehrmals brannten die Lieferwagen ab. Dafür bekam er viel Geld von der Versicherung. Dann sei er angeblich einmal angegriffen worden und habe angegeben, dass der Tresor geleert worden sei. Immer wieder verschwand Geld aus dem Laden. Er versuchte, es dem Stab anzuhängen. Deshalb habe ich sogar das Geld aus der Kasse nach Ladenschluss im Kühlschrank versteckt. Es war alles seltsam.“

Die Jagd war das große Hobby von Andreas S..

Andreas S. soll sich in seinem privaten Umfeld ganz anders verhalten haben. „Er ist verheiratet, hat vier Kinder, drei Jungen und ein Mädchen“, berichtet Ex-Mitarbeiterin Sabrina L. gegenüber FOCUS Online. „Und als Familienmensch war er ganz anders. Er hat auf seine Kinder aufgepasst, sie vom Kindergarten abgeholt und auch mal zum Bäcker gebracht.“

Das große Hobby von Andreas S. war laut seiner Ex-Mitarbeiterin die Jagd. „Er hatte eine zweite Firma, in der er Wildtiere verarbeitete. Er hat zum Beispiel Wildgulasch produziert und verkauft“, sagt Sabrina L. zu FOCUS Online. Die junge Frau ist zutiefst erschüttert, dass ihr ehemaliger Chef zwei Polizisten erschossen haben soll. „Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Seine Frau tut mir leid. Sie ist so ein netter Mensch, ich könnte immer mit ihr reden.“

Stammkunde: „Für mich war er ein seltsamer Mensch, irgendwie komisch“

Die Rentnerin und ehemalige Geschäftsfrau Elisabeth S. ist 70 Jahre alt und seit langem Stammkundin der Bäckerei in Spiesen-Elversberg, die zuletzt von dem Tatverdächtigen Andreas S. geführt wurde. Sie kannte den Mann persönlich, hatte ihn aber nicht gut in Erinnerung. „Für mich war er ein seltsamer Mensch, irgendwie seltsam und undefinierbar“, sagte sie gegenüber FOCUS Online. Also bat sie ihn mehrmals, er würde die Bäckerei „systematisch herunterfahren“. „Irgendwann hatte er nur noch stundenweise geöffnet und später plötzlich geschlossen“, sagt Frau S. „Meiner Meinung nach hatte er überhaupt kein Interesse an dem Job, er war ein fauler Mensch.“ Als sie ihm gegenüber ihren Unmut äußerte, wurde er schroff: „Es ist meine Entscheidung“, soll er gesagt haben.

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Wie es zu dem dramatischen Vorfall kam

Die Ermittlungen müssen nun zeigen, ob und wie der 38-Jährige beteiligt ist. Unklar ist auch, warum die beiden Polizisten in Kusel das Auto bemerkten und was dann passierte. Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren war, funkten die Beamten einen Hilferuf: „Sie schießen.“

Bei der Kontrolle sollen die Beamten totes Wild im Fahrzeug gefunden haben. Offenbar kam es zu einem Schusswechsel, der 29-Jährige gab mehrere Schüsse aus seiner Dienstwaffe ab. Er und sein Kollege trugen Uniformen und Sicherheitswesten. Die Dienstwaffe der 24-Jährigen steckte noch im Holster, sie habe also offenbar nicht geschossen. Als Verstärkung der Polizei eintraf, konnte den beiden nicht mehr geholfen werden.

Auch war bis zuletzt unklar, ob es sich tatsächlich um einen, zwei oder mehrere Täter handelte. Die polizeiliche Fahndung geht daher auch nach der Festnahme der beiden Männer weiter.