Der neue „Tatort“ aus Münster

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Aktualisiert am 16.01.2022 um 11:07 Uhr

Kommissar Thiel trinkt sich die ganze Nacht durch und wird am nächsten Morgen des Mordes verdächtigt. Er kann sich an nichts erinnern und wird von beängstigenden Halluzinationen geplagt. Zum Glück hat er ein Team, das ihn vor „Des Teufels langem Atem“ schützt. Auch Professor Boerne steigt aus der Badewanne und beweist sein Genie. Aber was wirklich zu Herzen geht, ist die raue Liebe zwischen Vadder und Sohn Thiel.

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Kommissar Thiel weint betrunken in der Kneipe und Professor Boerne nimmt ein Schaumbad. Das ist ein würdiger Auftakt nach einem dreiviertel Jahr Münsteraner „Tatort“-Abstinenz.

Der letzte „Tatort“ mit Kommissar Frank Thiel und Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne lief im Mai: In „Rhythm and Love“ war Boerne Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Nun steckt sein Kollege Thiel in der Klemme: Nach einem wirren Anruf bei Boerne wacht Thiel am nächsten Morgen in einem Hotelzimmer auf. Boerne sitzt auf einem Stuhl und sieht ihn interessiert an, auf seinem Schoß hält er eine Dose Erbsensuppe und einen Plüschkoala. Thiel kann sich an nichts erinnern. Ein Albtraum.
Nein, der neue „Tatort: ​​Der lange Atem des Teufels“.

Ein Fall für Persönlichkeiten

Der Rauch, der durch die Eröffnungsszenen zieht und in dem sich die Namen der Schauspieler zu Beginn der Folge auflösen, ist ein hübscher, zweideutiger gestalterischer Kniff (Regie: Francis Meletzky). Was für Thiel wie ein Riesenkater aussieht, entpuppt sich bei Riesenkoalas als Riesenproblem: In einem nahe gelegenen Waldstück wird die Leiche eines ehemaligen Aufsehers gefunden, den Thiel vor 20 Jahren ins Gefängnis gesteckt hat. Das Taxi von Pater Thiel (der gerade im Krankenhaus liegt) parkt in der Nähe. Die Kugeln der Dienstwaffe von Frank Thiel stecken in der Leiche. Doch der Inspektor verfügt nur noch über Erinnerungsfetzen von gestern Abend, um seine eigenen Angelegenheiten zu recherchieren. Kurze Flashbacks, die nicht viel Sinn zu machen scheinen.

Dass es bei den „Tatorten“ mit Kommissar Frank Thiel und Professor Karl-Friedrich Boerne nicht wirklich um Mord geht, ist kein Geheimnis. Dieser „Tatort“ in Münster zeigt aber wieder einmal deutlich, dass es sich keineswegs nur um Slapstick handelt, wie ihm seine Kritiker regelmäßig vorwerfen

Clevere Drehbuchautoren widmen sich längst einem anderen Aspekt der Krimiserie: Die Geschichten aus Münster kreisen um die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Ermittler. Jeder Kriminalfall ist eine Gelegenheit, diese Freundschaft auf die Probe zu stellen, und weil es ein so ungleiches Paar ist, kommt der Slapstick ganz natürlich. Indem zum Beispiel ein verzweifelter Thiel verzweifelt versucht, sich durch die Ereignisse der Mordnacht zu tasten, während ein unsensibler Boerne an seiner Seite munter durch das Geschehen trampelt.

Der „Münsteraner“-Tatort erfindet sich nicht neu

Viele Krimi-Zuschauer dürften „Der lange Atem des Teufels“ nach etwa der Hälfte aufgeräumt haben, doch Drehbuchautor Thorsten Wettcke hat den Fall mit genug überraschenden, wenn auch ziemlich haarsträubenden Details ausgeschmückt, um ihn kurzweilig zu machen. Aber wenn es nicht in den „Tatorten“ in Münster um plausible Kriminalfälle geht, müssen sie danach beurteilt werden, was die Geschichte aus der Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren herausholt.

Und wir lernen dort nichts Neues. Denn wir wissen inzwischen, dass die beiden eine wirklich bedingungslose Freundschaft verbindet, die nicht von gemeinsamen Interessen, Denkweisen oder gemeinsamen Ursprüngen zusammengehalten wird. Boerne glaubt natürlich nicht, dass Thiel einen Mord begangen hat, und natürlich weiß Thiel, dass er sich auf die Hilfe seines Kollegen verlassen kann, egal wie lange er in der Badewanne sitzen möchte.

Vor einigen Folgen steckte Professor Boerne in „Limbus“ fest und durfte seinen Kollegen als unsichtbarer Untoter dabei zusehen, wie sie für ihn seinen Fall aufklärten und ihm kopfschüttelnd ihre Freundschaft bewiesen. Jetzt ist es ein halluzinierender Thiel, der sich darauf verlassen muss – und kann –, dass das Team die Realität für ihn in Ordnung bringt.

Ein Zeichen von Zuneigung und Vertrauen

Dass Professor Boernes Genie einerseits eine wichtige Rolle spielt, andererseits aber einen herben Schlag erleidet, ist eine der schönsten Szenen in „Des Teufels langer Atem“: Er ist auf die Unterstützung seines angeblich „ schlechteste Schülerin“ Vivian Peters (Judith Goldberg). , die inzwischen auch als Gerichtsmedizinerin arbeitet und gemeinsam mit Börnes Assistentin Silke Haller (Christine Ursprechen) über den Narzissten schimpft. Es wird aber auch höchste Zeit, dass die unangebrachten Beleidigungen der Figur Börne nicht nur als Schenkelklopfer folgenlos durch den „Tatort“ poltern.

Die coolste Rolle spielt diesmal Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer), der maßgeblich zur Wahrheitsfindung beiträgt – die raue Liebe zwischen einem markigen Vater und einem verzweifelten Sohn ist einer der berührendsten Momente in diesem „Tatort“. „.

Ob Vadder Thiels Expertise, Boernes Beobachtungsgabe oder Hallers Risikobereitschaft, ob Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) Einfluss oder Mirko Schraders (Björn Meyer) klappriges Auto: Wie ein Schutzschild, Zuneigung und Vertrauen und nicht zuletzt seins eigene Integrität umgibt Frank Thiel – dagegen hat auch der teuflischste Atemzug keine Chance.

Ulrike Folkerts

Sie ist die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin und auch nach ihrem 60. Geburtstag am 15. Mai ist kein Ende in Sicht: Seit 1989 geht Ulrike Folkerts als Lena Odenthal in Ludwigshafen auf Verbrecherjagd. Aber auch diese „Tatort“-Schauspieler untersuchen regelmäßig verschiedene TV-Tatorte.