Die Kolumne zum Wochenende – SWR Aktuell

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Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Europa enger zusammengerückt. Es sei gut, dass sich Europa auch langfristig auf seine tatsächlichen Werte besinne, sagt Josef Karcher in seinem Wochenendkommentar „Zwei Minuten“.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es im Fernsehen Talkshows mit Titeln wie: „Traumspiel Europa“, „Ratlos in Europa“ oder „Europa auf der Kippe“. Die europäische Idee wirkte abgenutzt und erregte kaum Begeisterung. Die EU in Brüssel, ein seelenloser bürokratischer Apparat, der regelmäßig Richtlinien herausgibt, wie zum Beispiel Bananen oder Äpfel auszusehen haben. Die einzelnen Staaten sind ohnehin völlig uneins. Kompromisse nur gegen Euro.

Das Audio der Kolumne von Josef Karcher können Sie sich auch hier anhören:















Diese Beschreibung ist nicht mehr richtig – oder nur noch teilweise richtig. Europa lebt! Der russische Angriff auf die Ukraine hat die Europäer auf beispiellose Weise zusammengebracht – sowohl auf staatlich-institutioneller Ebene als auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Man muss nicht einmal Mitglied der Union sein, auch die ach so neutrale Schweiz und das sich selbst isolierende Grossbritannien sind dabei, Sanktionen gegen den Aggressor zu verhängen und die angegriffene Ukraine solidarisch zu unterstützen. All das erinnert an die Europahymne, Beethovens Melodie und Schillers Text, die Ode an die Freude. Es spricht von der „Rettung von Tyrannenketten“. Das ist auch die Bedeutung von Freundschaft, sie könnte aktueller kaum sein.

Realistisch gesehen ist Europa durch einen äußeren Feind in Gefahr und hat sich entschieden, das zu tun, was nötig ist: sich zusammenschließen, um die Grundwerte – Frieden und Freiheit, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit – zu verteidigen. Dazu gehört, dass Europa „die Sprache der Macht“ lernen muss, wie Außenpolitikchef Josep Borell es einmal formulierte. Und dieser Lernprozess ist bereits weit fortgeschritten. Der Kreml hat in den vergangenen Jahren viel investiert, um Europa zu destabilisieren, zu verunsichern und zu infiltrieren, Spannungen zu erzeugen und Differenzen in Konflikte zu verwandeln. Dies war bekannt, wurde aber im Interesse der wirtschaftlichen Solidarität in Kauf genommen.

Nicht mehr. Das vereinte Europa zeigt Stärke.

Es braucht Kraft. Stärke, die sich aus der europäischen Idee speist, die die Generationen inspirierte, die den Zweiten Weltkrieg hinter sich hatten und eine Zukunft vor sich hatten. Dasselbe gilt heute für uns alle. Europa ist unser Anliegen, mit Kopf und Herz. Nicht nur in Kriegs- und Krisenzeiten. Unser Kontinent lebt vom Selbstbewusstsein und der Herzlichkeit seiner Bürger. Wie Schiller schrieb: „Dein Zauber bindet wieder, was die Mode schwer gespalten hat.“