Gesundheit – Sind Deutschlands Corona-Regeln besonders streng? – Gesundheit

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Berlin (dpa) – In Diskussionen um die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wird Deutschland immer wieder als eines der Länder mit den strengsten Regeln genannt.

Das hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) bereits gesagt – unter Berufung auf den Covid-Stringency-Index der renommierten britischen Universität Oxford.

Behauptung: Deutschland ist eines der Länder mit den strengsten Corona-Maßnahmen weltweit.

Bewertung: Die Daten aus Oxford geben es nicht so her.

Fakten: Der Covid Stringency Index der University of Oxford wird oft verwendet, um zu zeigen, wie streng die Corona-Maßnahmen in Deutschland sind. Denn im Vergleich zu anderen Ländern liegt die Bundesrepublik beim Index für Beschränkungen oft in der Spitzengruppe. Aber ein Ranking auf Basis dieser Daten zu erstellen, wäre massiv irreführend. Denn so einfach ist es nicht.

Sogar die Macher der Bewertung schreiben zum Covid Stringency Index: Dieser „sollte nicht als Maß für die Angemessenheit oder Wirksamkeit der Reaktion eines Landes (auf die Pandemie) interpretiert werden“.

Was geht in den Covid Stringency Index ein?

Die Universität Oxford wertet neun Indikatoren aus, darunter Schul- und Firmenschließungen, die Absage öffentlicher Veranstaltungen und Einschränkungen des öffentlichen Nahverkehrs. Diese Einzelangaben werden zu einem übergeordneten Wert zusammengefasst.

Die Maßnahmen der einzelnen Staaten erhalten eine Gesamtbewertung zwischen 0 und 100. Allein mit Blick auf diese Zahl gehört Deutschland tatsächlich zu den Ländern mit dem höchsten Wert weltweit. Dabei wird oft nicht erwähnt, dass es auf die strengsten regionalen Regeln ankommt – und schon gar nicht auf die, die bundesweit gelten.

Gibt es also in einem Land regional unterschiedliche Regelungen, berücksichtigt der Stringency Index die strengste Maßnahme für das gesamte Bundesland.

Wie kommt der Wert für Deutschland zustande?

Dem Index zufolge liegt Deutschland seit Anfang Dezember mit einem Wert von 84,26 sogar fast an der Spitze. Länder wie die Niederlande, die kurz vor Weihnachten mit geschlossenen Restaurants und Geschäften in den Lockdown gingen, oder Dänemark, das große Teile des öffentlichen Lebens stilllegte, schienen nur weit abgeschlagen.

Dies liegt an der föderalen Struktur Deutschlands. Sollten Bundesländer oder auch einzelne Landkreise zeitweise strengere Regeln haben, als sie bundesweit vorgesehen sind, behandelt der Index dies so, als würden die Maßnahmen bundesweit gelten.

Auch der Index bewertet in erster Linie die Maßnahmen für Ungeimpfte – obwohl sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung betreffen. 3G in Bussen und Bahnen oder 2G plus bei Veranstaltungen werden daher als sehr streng eingestuft. Sie ermöglichen vielen oder – im Falle von 3G – allen Testpersonen den Zugang und die Teilhabe.

In Bezug auf Schulschließungen in Deutschland heißt es im Index für Dezember und den größten Teil des Januars: „erforderlich (für einige Stufen oder Schularten)“. Tatsächlich arbeiten die Schulen aber weitgehend mit Präsenzunterricht. Der Index umfasst auch Universitäten – und manchmal gilt dort 3G.

Werden Deutschlands Maßnahmen überall so bewertet?

Nein. Der PHSM Severity Index der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ordnet die Schwere der Maßnahmen in Deutschland im Mittelfeld ein. PHSM steht für „Public Health and Social Measures“, also Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und des sozialen Lebens.

Die Bereiche Schule, Arbeit oder Nahverkehr haben dort deutlich niedrigere Werte als im Oxford-Index. Europäische Länder wie die Niederlande oder Litauen hingegen haben in der WHO-Übersicht deutlich höhere Einstufungen als Deutschland.

Ist es überhaupt möglich, staatliche Corona-Maßnahmen zu vergleichen?

Grundsätzlich ist es schwierig, die Covid-Regeln einzelner Länder zu vergleichen, da sie beispielsweise auch von der Altersstruktur der Bevölkerung, der verfügbaren medizinischen Versorgung und dem Immunitätsgrad der Bevölkerung abhängen.

Griechenland ging um 2020 in einen sehr strengen Lockdown, weil es mit rund 6 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner nur sehr wenig Kapazität für schwere Erkrankungen hatte. Zum Vergleich: Deutschland hatte damals rund 29 Betten pro 100.000 Einwohner. Südafrika hat Ende Januar 2022 viele Corona-Maßnahmen abgeschafft, weil laut Studien rund 70 Prozent der Bevölkerung bereits eine Corona-Infektion hatten.

Eine Analyse der Forschungsgruppe CoronaNet, die auch Daten zu Corona-Maßnahmen in verschiedenen Ländern erhebt, zeigt, dass auch institutionelle und politische Faktoren eine Rolle spielen: etwa ob ein Staat autoritär oder demokratisch ist.

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