Missbrauchsvorwürfe bei „The Voice of Holland“ ziehen weite Kreise

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Ein Teil der niederländischen Unterhaltungsindustrie wurde von Missbrauchsvorwürfen erschüttert. Immer mehr Details zu mutmaßlichen Vorfällen in „The Voice of Holland“ werden bekannt, immer mehr Menschen melden sich zu Wort.

Die Ausstrahlung von „The Voice of Holland“ wird bis auf Weiteres pausiert, wie RTL Nederland am Samstag erklärte. Grund dafür sind Vorwürfe von Kandidaten der Castingshow, wonach sich die Teilnehmer des Formats ihnen gegenüber sexuell missbräuchlich verhalten und ihre Macht missbraucht haben. In verschiedenen niederländischen Zeitungen und TV-Formaten berichten Kandidaten nun, dass bei „The Voice“ „Sexwitze“ an der Tagesordnung waren und sie begrapscht wurden.

Der Skandal innerhalb des Formats wurde von Reportern der Sendung „BOOS“ des niederländischen öffentlich-rechtlichen Senders aufgedeckt, nachdem mehrere mutmaßliche Opfer sie kontaktiert hatten. Ein Bericht darüber wird am Donnerstag ausgestrahlt. Im Zentrum der Vorwürfe steht der von drei Kandidaten angeklagte Bandleader Jeroen Rietbergen. der vor Bekanntwerden der Vorwürfe 14 Jahre mit Moderatorin Linda de Mol liiert war.

Rietbergen trat später als Bandleader bei „The Voice of Holland“ zurück. Laut der belgischen Tageszeitung HLN sagte er in einer Erklärung, er habe „mit einigen der an der Show beteiligten Frauen sexuellen Kontakt gehabt“ und „auch sexuell orientierte WhatsApp-Nachrichten mit ihnen ausgetauscht“. Aber es ging nicht darum, seine Macht auszunutzen. „Ich habe die damaligen Kontakte als gegenseitig und auf Augenhöhe gesehen“, betonte der 50-Jährige. Jetzt wisse er aber, dass „nicht seine eigene Wahrnehmung so wichtig ist, sondern die Wahrnehmung der betroffenen Frauen“. Rietbergen erklärte: „Die Dinge, die ich getan habe, hätte ich niemals tun sollen.“

„Ich bin in einem schrecklichen Alptraum“

Laut Rietbergen geht es um Ereignisse, die mehrere Jahre zurückliegen. Schon damals erkannte er, dass er Fehler gemacht hatte und begann eine Therapie, die er nutzte, um sein Verhalten dauerhaft zu ändern, so der Musiker.

Linda de Mol und Jeroen Rietbergen: Die Moderatorin und der Musiker waren 14 Jahre lang ein Paar. (Quelle: Hannes Magerstaedt/Getty Images)

Trotzdem: Am Montag meldete sich Linda de Mol zu ihrem Medienauftritt „Linda.nl“ zu Wort und gab die Trennung von Rietbergen bekannt. „Ich bin seit ein paar Tagen in einem schrecklichen Albtraum“, schrieb die ehemalige „Traumhochzeit“-Moderatorin. Sie wisse nicht, was wahr und was falsch sei, erklärte sie und betonte: „Jeroen lebt nicht mehr bei mir.“

Durch seine Beziehung zu de Mol war Rietbergen praktisch der Schwager von John de Mol, TV-Produzent, Medienmagnat und Schöpfer von The Voice. Der Skandal wird daher auf verschiedene Weise mit der Familie de Mol in Verbindung gebracht.

Rietbergen ist „ein unglaubliches Arschloch“

John de Mols Sohn Johnny de Mol hat sich laut der niederländischen Zeitung „AD“ am Montag in seiner Talkshow „HLF8“ zu den Schlagzeilen über „The Voice of Holland“ geäußert. Der 43-Jährige sagte, er sehe die Situation „als Mensch, als Programmierer und als Familienmitglied“. Mit seinem Vater, der sich noch nicht öffentlich zu Wort gemeldet hat, habe er noch nicht über die Vorwürfe gesprochen. Johnny de Mol sagte über seine Tante Linda de Mol, sie sei „sehr verwirrt“ über die Entwicklungen. Er beschrieb Rietbergen als „ein unglaubliches Arschloch“, betonte aber auch, dass er ihn liebte. „Er schämt sich.“

John de Mol: Er hat sich nicht dazu verpflichtet "Die Stimme Hollands"-voiced Skandal.  (Quelle: IMAGO / ANP)John de Mol: Er hat sich noch nicht zum „The Voice of Holland“-Skandal geäußert. (Quelle: IMAGO / ANP)

Neben Rietbergen gibt es Vorwürfe gegen den niederländischen Rapper Ali B. Der 40-Jährige ist seit 2013 Coach bei „The Voice of Holland“. Der Musiker wurde angezeigt, wie sein Anwalt laut der niederländischen Online-Zeitung bestätigte. nu.nl“. Auf Instagram sagte Ali B, er sei „zu 100 Prozent von meiner Unschuld überzeugt“ und erklärte: „Es ist eine Behauptung für etwas, das angeblich vor langer Zeit passiert ist, aber es ist nicht wahr.“ Aber der Schaden ist angerichtet. Ali B schrieb: „Ich habe noch keinen Anruf von der Polizei erhalten, aber ich werde bei allem kooperieren. Ich finde diese Situation sehr unfair.“

„Ich nehme an, mein Vater wusste davon“

RTL Nederland und die Produktionsfirmen ITV und Talpa haben nun eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben. Dem Sender seien die Vorwürfe zuvor nicht bekannt gewesen, teilte RTL in einer Stellungnahme mit. Erst durch eine E-Mail der Redaktion des Magazins „BOOS“ vom Mittwoch, 12. Januar, erfuhr „The Voice of Holland“ von „sexuellem Missbrauch und Machtmissbrauch“. Die Vorfälle seien etwa fünf bis sechs Jahre her, sagte Johnny de Mol am Montag. Er erklärte: „Die Führungskräfte wussten davon. Ich nehme an, er auch.“ Er meinte seinen Vater John de Mol. Eine Aussage von ihm erwartet er erst am Donnerstag.

Johnny de Mol: Der Sohn von John de Mol hat seine eigene Talkshow.  (Quelle: IMAGO / Pro Shots)Johnny de Mol: Der Sohn von John de Mol hat seine eigene Talkshow. (Quelle: IMAGO / Pro Shots)

Doch worum geht es in den Vorwürfen genau? Am Montagabend sprach die ehemalige „The Voice“-Kandidatin Nienke Wijnhoven in der niederländischen TV-Show „Beau“. „Jeroen Rietbergen ist ein sehr charmanter Mann. Du denkst, du baust eine Bindung auf, aber sobald es Grenzen überschreitet, lächelst du es an, und das war’s“, sagte der 23-Jährige, der 2018 in der Talentshow auftrat landete auf dem dritten Platz.

Wijnhoven berichtete auch, dass Rietbergen ihre Ateliers zeigen wolle. Als sie zwei waren, berührte er sie. „In dem Moment, in dem er dich berührt, geht alles durch dich hindurch. Du bekommst Angst, aber du sagst nichts, weil du denkst: ‚Was zum Teufel.‘ Ich dachte, ich hätte die falschen Signale gesendet.“ Über Trainer Ali B sagte Wijnhoven, er habe ihre jüngere Schwester auf einer After-Show-Party beleidigt.

„Ein Mann hat kein Recht, so etwas zu einem Mädchen zu sagen“

Auch Kirsten Berkx, die 2017 bei „The Voice“ den achten Platz belegte, berichtete in der Sendung von Vorfällen mit Rietbergen. Sie traf Rietbergen im Flur, und er fragte sie nach ihrer „geilen Hose“. Berkx bemerkte nun: „Ein Mann hat kein Recht, so etwas zu einem Mädchen zu sagen, egal in welchem ​​Alter oder Status. Wenn Sie in einer Arbeitsbeziehung sind, sollten Sie so etwas nicht sagen.“ In diesem Moment habe sie ihn „nur angesehen und dumm gelacht“.

Laut der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant sagte Berkx außerdem: „Niemand hat es gewagt, etwas über das zu sagen, was er gesagt hat, weil Rietbergen ein mächtiger Mann ist. Er ist der verdammte Schwager von John de Mol, dem Boss von allem.“

„Dann kann ich dir weiter auf den Arsch schauen“

Eine Ex-Kandidatin, die lieber anonym bleiben möchte, berichtete laut „de Volkskrant“ von einer Probe, bei der Rietbergen ihr genau gesagt habe, wo sie stehen soll. Mit der Begründung: „Dann kann ich dir weiter auf den Arsch schauen.“ Der Kandidat sagte: „Ich dachte, er wäre ein echter Perverser. Er war 40, ich war 18.“ Trotzdem fühlte sie sich in gewisser Weise geschmeichelt. Die Teilnehmerin sagte, sie habe aus Angst, nicht in die nächste Runde der Castingshow zu kommen, geschwiegen. Auch sexistische Witze und Sprüche wurden oft gemacht – nicht nur von Rietbergen. Sätze wie: „Ich bekomme einen Steifen“ wurden oft verwendet.

Sollten die angekündigten unabhängigen Untersuchungen der Vorwürfe abgeschlossen sein, dürften die Macher ein Comeback von „The Voice of Holland“ anstreben. Die Sängerin Anouk wird laut der niederländischen Online-Zeitung „nu.nl“ nicht mehr als Coach dabei sein, wie sie auf Instagram mitteilte.