„Das Schlimmste ist, dass wir absolut nichts wissen“

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Nach dem Vulkanausbruch in Tonga entkommt wenig nach außen. Die ersten Meldungen aus dem Land waren zunächst hoffnungsvoll für die Angehörigen – doch nach dem Fund einer Leiche gibt es wohl keinen Grund, Entwarnung zu geben.

Wie geht es den Menschen in Tonga nach dem Vulkanausbruch? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Angehörige, die Familienangehörige und Freunde in dem Pazifikstaat haben. Die Westküste Tongas könnte nach ersten Meldungen stark von dem Vulkanausbruch betroffen sein – bisher gibt es dazu nur bruchstückhafte Informationen.

Eine vermisste Person ist Angela Glover, die von den Fluten mitgerissen wurde. Das berichtet die britische Tageszeitung „The Guardian“. Wie ihr Bruder Nick Eleini dem Fernsehsender BBC mitteilte, wurde ihre Leiche von ihrem Ehemann James Glover gefunden. Die Familie sei nach den Nachrichten „am Boden zerstört“, sagte Eleini der BBC. Die Frau wurde von einer Flutwelle erfasst, als sie versuchte, ihre Hunde zu retten.

Eleini, die in Sydney lebt, sagte dem britischen Guardian einige Stunden vor dem Fund: „Angela und ihr Mann James wurden weggespült. James konnte sich ziemlich lange an einem Baum festhalten, aber Angela konnte das nicht und wurde weggespült mit den Hunden. Ich glaube vier oder fünf Hunde.“

„Ich glaube nicht, dass es ein Happy End geben wird“

Ehemann James Glover ging zurück zum Haus, um die Polizei und die britische Botschaft zu kontaktieren. Das war über ein mitgeliefertes Satellitentelefon möglich. Schon bei der Suche war Eleini wenig hoffnungsvoll: „Ich glaube nicht, dass es ein Happy End geben wird.“

Angela Glover betrieb nach Angaben ihres Bruders ein Tierheim für streunende Hunde in Tonga. Sie wurde in Brighton, England, geboren, entschied sich aber vor einigen Jahren, mit ihrem Mann James nach Tonga auszuwandern. Eleini glaubt, dass seine Schwester vor der Flut in Ahau, einem Dorf auf der westlichen Insel Tongatapu, gewesen sein könnte. „Ich dachte, wenn sie zu Hause wären, wäre alles in Ordnung, aber das ist eine sehr kleine Landzunge, nur wenige Meter über dem Meeresspiegel.“

Erste Berichte aus Tonga waren optimistisch

Erste Meldungen aus Tonga machten die Angehörigen zunächst hoffnungsvoll. Jenny Salesa, Parlamentsabgeordnete für Neuseeland, twitterte am Sonntag, sie habe mit einem Minister aus dem tongaischen Archipel Ha’apai sprechen können. Er berichtete, dass es auf der Hauptinsel keine Verletzten gegeben habe.

„Nichts zu wissen, ist für viele unserer Familien herzzerreißend“, sagte Salesa vor einem Tag. Welche weiteren Folgen der Tsunami für andere Gebiete haben wird, ist noch unklar. Sie sprach von Tausenden von Menschen, die nicht wussten, wie es ihren Lieben ging.

Angehörige vermissen ihren gelähmten Onkel

Unter ihnen ist Seini Taumoepeau. Laut „Guardian“ fürchtet sie um ihren Onkel, der bisher kein Lebenszeichen hatte. Taumoepeau lebt in Sydney und hat seit dem Vulkanausbruch am Samstag kaum geschlafen.

Ihr Onkel lebt in einem Dorf auf der Hauptinsel Tongatapu und muss wegen einer Lähmung im Rollstuhl sitzen. „Er ist eine wichtige Person, also haben wir Glück“, sagte Taumoepeau der Zeitung und verwies auf das stark hierarchische Gesellschaftssystem in Tonga. Aufgrund seines Status gibt es Menschen, die ihm helfen werden. Die Familie nennt es eine „kulturelle Verpflichtung“.

Trotzdem macht sie sich große Sorgen um ihren Onkel, der nach dem Tod ihrer Eltern eine wichtige Bezugsperson für sie ist. Normalerweise schreibt sie jeden Tag mit ihm, aber derzeit erreicht Tonga keine Nachricht. Taumoepeau war frustriert darüber, dass sie zwar Updates bereitstellen konnte, dies jedoch keinen Einfluss auf das Geschehen vor Ort hatte. „Darin liegt die Frustration: die Sinnlosigkeit all dieser Energie, die aufgewendet wird“, sagte Taumoepeau.

Ein Boot droht wegen starker Flutwellen zu sinken: Tsunamiwellen wurden nicht nur in Tonga, sondern auch in Neuseeland, Japan und Fidschi registriert. (Quelle: Tanya White/NZME/dpa)

„Es gibt keine Kommunikation“

Nach dem Ausbruch vor der Küste von Tonga herrscht auch Unsicherheit über das Ausmaß der Schäden in dem Pazifikstaat. Tonga war am Montag fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die Telefonverbindungen sind unterbrochen, ein Seekabel für das Internet wurde beim Ausbruch des Vulkans Hunga Tonga-Hunga Ha’apai beschädigt: Die Reparatur kann laut Betreiber rund zwei Wochen dauern.

„Es gibt keinerlei Kommunikation“, beschwerte sich der in Neuseeland lebende tonganische Journalist Filipo Motulalo. „Das Schlimmste ist dieser Blackout, dass wir absolut nichts wissen.“ Australiens Entwicklungsminister Zed Seselja sagte am Montag, ein kleines Kontingent der in Tonga stationierten australischen Polizei habe „ziemlich besorgniserregende“ Berichte vorgelegt.

Der schlimmste Vulkanausbruch seit Jahrzehnten

Transportflugzeuge stehen in Australien und Neuseeland für Hilfsflüge nach Tonga zur Verfügung. Internationale Hilfsorganisationen konnten bisher nicht tätig werden – sie warten noch auf genaue Informationen und können ihre Mitarbeiter vor Ort nicht kontaktieren. „Aus den uns vorliegenden fragmentarischen Informationen geht hervor, dass das Ausmaß der Verwüstung ziemlich groß ist, insbesondere auf den vorgelagerten Inseln“, sagte Katie Greenwood vom Internationalen Roten Kreuz.

Der Vulkanausbruch am Samstag war einer der schwersten seit Jahrzehnten und in Alaska noch messbar. Asche und saurer Regen fielen weit im Pazifik. Der Ausbruch führte zu Tsunamiwellen, die an entfernten Küsten von Japan bis zu den Vereinigten Staaten zu spüren waren.