Gericht sieht Opfer nicht völlig unschuldig

Startseite » Gericht sieht Opfer nicht völlig unschuldig

Jugendschöffe am Amtsgericht Pforzheim

40-Jährige auf dem Skateplatz in Pforzheim verprügelt: Drei Jugendliche erhalten unterschiedliche Strafen.

Hier spielten sich brutale Szenen ab: Weil sie offenbar seine Kinder filmten, griff ein Familienvater eine Gruppe Jugendlicher an. Dieser traf ihn und trat ihn auch, nachdem der 40-Jährige bereits am Boden lag.

Foto: Björn Fix

Ein brutaler Angriff eines jungen Trios auf einen Familienvater hat im vergangenen Jahr in Pforzheim für Furore gesorgt. Als er am 4. April 2021 verhindern wollte, dass seine Kinder angeblich gefilmt werden, geriet der Streit völlig aus dem Ruder. Am Ende wurde er unter einer Bank im Arlinger Skaterpark zu Boden geworfen.

Als wäre das nicht genug, traten die Täter weiter auf den am Boden liegenden wehrlosen Mann ein. Sie ließen ihr Opfer erst los, als andere Besucher der Skate-Area zu Hilfe eilten.

In der Siloah attestierten die Ärzte dem 40-Jährigen Prellungen im Gesicht, Prellungen und Schürfwunden. Die Täter wurden durch Auswertung der Videoaufnahmen einer benachbarten Tankstelle identifiziert, über die sie kurz nach der Tat flüchteten.

Alle drei Strafen sind ausgesetzt

Die drei Täter sind nun vom Jugendschöffen am Landgericht Pforzheim wegen kollektiver Körperverletzung zu verschiedenen Jugendstrafen verurteilt worden. Ein Täter erhielt ein Jahr und acht Monate, der zweite ein Jahr, der dritte kam mit einer Verwarnung davon, muss aber an einer Anti-Aggressions-Schulung teilnehmen. Alle drei Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Ein relativ mildes Urteil, wenn man bedenkt, dass alle drei Täter keine leeren Seiten sind und bereits mehrfach von der Polizei aufgefallen sind. Einer wurde kürzlich zu einer weiteren Jugendstrafe verurteilt, wo er noch immer auf Bewährung ist. Allerdings: Nach Ansicht des Gerichts war der 40-Jährige aus Pforzheim an seinem Schicksal nicht ganz unbeteiligt.

Zunächst sei keineswegs beweisbar, dass die Angeklagten seine Kinder tatsächlich gefilmt hätten, sagte die Vorsitzende Richterin Stephanie Gauß. Sie gehen davon aus, dass er die Jugendlichen in einem „nicht gerade deeskalierenden Ton“ angesprochen habe, wie der Richter den Streit vorsichtig beschrieb. Gerade in diesem Teil seiner Zeugenaussage hatte das Opfer seltsame Erinnerungslücken gezeigt.

Der erste Schlag war Notwehr

Die heftige verbale Auseinandersetzung eskalierte erst, als der Geschädigte die Hand gegen ein Mitglied des Trios erhob, wie es von zwei Zeugen bei der Beweisaufnahme beschrieben wurde. Der erste Schlag war eindeutig als Notwehr zu sehen und war noch keine Körperverletzung.

Dies schließt jedoch keineswegs aus, dass das Opfer, das unter einer Bank zu Boden fiel, weiter getreten wurde. Die Täter waren eindeutig der gemeinsam begangenen Körperverletzung schuldig. Mit seinen Einschätzungen und dem Tenor des Urteils folgte das Gericht weitgehend dem Plädoyer von Staatsanwalt Tobias Wagner.

Trotz der eindeutigen Beweise plädierte einer der Verteidiger auf Freispruch. Die Schläge wurden in reiner Notwehr verübt. Die unterschiedlichen Aussagen der Zeugen würden nicht ausreichen, um seinen Mandanten zu verurteilen. So weit wollten seine Kollegen nicht gehen und wichen nur marginal vom Plädoyer der Staatsanwaltschaft ab.